Kann man dem Bericht vertrauen?

Der Drogen- und Suchtbericht 2019. Lange erwartet, spät gekommen und von der frisch ins Amt eingeführten Drogenbeauftragten gleich mal zum Bashing des E-Dampfens genutzt… wie vertrauenswürdig ist er eigentlich?

Nein, keine Panik jetzt. Ich nehme den Bericht hier jetzt nicht im Detail und in allen Punkten auseinander. Das wäre nicht zu schaffen und er umfasst ja zahlreiche Gebiete, von denen ich nur wenig Ahnung habe. Ich hätte auch überhaupt keine Lust für alle Aspekte zu recherchieren und bei kompetenten Leuten nachzuhaken.

Aber… mir ist da was aufgefallen. Kein riesiger Skandal jetzt… aber es wirft trotzdem die Frage auf, wie vertrauenswürdig der gesamte Report denn ist, wenn an einigen Stellen die Wahrheit verbogen wird… aus Schlampigkeit oder mit Absicht…

Worüber ich gestolpert bin, hat nur indirekt etwas mit dem E-Dampfen zu tun. Es geht um die Aussagen über die gesundheitlichen Folgen des sog. „Passivrauchens“… ganz speziell um eine Grafik: ABBILDUNG 16 – Erhöhung des Risikos, verschiedene Atemwegserkrankungen zu erleiden (durch Rauchen und Passivrauchen), Seite 39. [1]

Ich hab die Abbildung gesehen und war ein wenig… hmmm… baff…

Da gibt es einen Eintrag, der auf den ersten Blick aussagt: „Rauchende Neugeborene haben ein um 1,3 bis 1,4fache erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Neugeborene, die Passivrauch ausgesetzt sind, haben ein um 1,8fach erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken.

WTF???

Rauchende Neugeborene? Neugeborene mit Lungenkrebs?

Nein, SO KANN DAS NICHT GEMEINT SEIN. Wenn man mit auch nur einer Spur gesundem Menschenverstand an die Sache herangeht, dann kann bezüglich des aktiven Rauchens nur gemeint sein, dass die Mütter während der Schwangerschaft geraucht haben.Die Passivrauch-Exposition von Neugeborenen ist theoretisch zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich. Auch hier muss man wohl davon ausgehen, dass es darum geht, dass die Mutter während der Schwangerschaft Passivrauch ausgesetzt war.

Na… vielleicht hilft ein Blick auf die Quelle. Die Abbildung soll ja vom dkfz. sein.

Und wenn man sucht, findet man beim dkfz. genau eine Stelle, wo eine ähnliche Grafik zu diesem Thema auftaucht: Factsheet „Rauchen und Lungenerkrankungen“. [2]

Nur… sieht die Abbildung da doch ANDERS aus! Aber auch extrem ähnlich…

Doch gerade in dem Punkt, der mich irritierte, gab es einen eklatanten Unterschied.

Während im DSB 2019 da der Kasten „Lungenkrebs bei Neugeborenen: aktiv 1,3-faches Risiko / 1,4-faches Risiko; passiv 1,8-faches Risiko“ zu sehen ist, erscheint im Original ein Kasten „Folgen (für Neugeborene) des Rauchens und Passivrauchens während der Schwangerschaft Atemnot/Sonstige Atmungsstörungen 1,3-faches Risiko/1,4-faches Risiko; Atemwegsinfekte 1,8-faches Risiko“.

Auffällig ist, dass identische Risikofaktoren an gleicher Stelle auftauchen: 1,3fach, 1,4fach, 1,8fach. Aber einmal wird NICHT erwähnt, dass es um aktive oder passive Exposition der Mutter des Neugeborenen geht und es wird von LUNGENKREBS gesprochen… und bei der Quelle wird die Exposition der Mutter während der Schwangerschaft genannt, aber hier geht es um ATEMNOT/SONSTIGE ATMUNGSSTÖRUNGEN bzw. ATEMWEGSINFEKTE.

Nun ja… schaut man sich nun die vom dkfz. angegebenen Quellen an, so findet man lediglich in einer Quelle [3] Hinweise auf weitere Quellen, wo von diesen akuten Effekten bei Neugeborenen berichtet wird. Die anderen beiden Quellen [4][5] geben diesbezüglich nichts(!) her. Man findet dort nur Hinweise auf Frühgeburten und Bauchhöhlenschwangerschaften.

Ok… Atemnot, Atmungsstörungen, Atemwegsinfekte kann man bei Neugeborenen diagnostizieren… und da kann man eine Kausalität zum aktiven oder passiven Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft draus basteln. Geschenkt! Und dass nur eine der angegebenen Quellen diesbezüglich was hergibt… auch geschenkt… drei Quellen sehen einfach besser aus… guckt eh keiner rein (außer der blöde Pepe).

Aber nun mal zur Abbildung im DSB 2019! Lungenkrebs!

Angenommen, die Mitarbeiter der Drogenbeauftragten hätten bei Erstellung des Berichts tatsächlich ein streng geheimes und nirgendwo einsehbares Dokument erhalten, in dem es um Lungenkrebs im Zusammenhang mit Neugeborenen gibt, so stellt sich trotzdem die Frage, ob nun gemeint ist, dass Kinder quasi mit Lungenkrebs zur Welt gekommen sind.

Trotz intensiver Suche habe ich nichts über Lungenkrebs bei Säuglingen gefunden. Mag sein, dass es irgendwo auf der Welt mal einen Fall gegeben haben mag, wo ein Säugling einen bösartigen Bronchialtumor hatte, aber das scheint nicht in irgendwelche Studien eingegangen sein. Krebs bei Neugeborenen beschränkt sich auf lymphatische und lymphoblastische Leukämie, Leber­tumore und bösartigen Hirntumo­re, sowie Neuroblastome. [6].

Also müsste man eher vermuten, dass es um Lungenkrebs in fortgeschrittenem Alter geht, der dann auf das aktive oder passive Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Aber dazu gibt es keine Studien… ein Zusammenhang wäre auch wirklich kaum herzustellen, zumal es sich dann um Krebsfälle bei Personen handeln müsste, die nicht selbst geraucht haben, nicht über längere Zeit Passivrauch und auch sonst keinen andere Risikofaktoren ausgesetzt waren.

Lohnt nicht, noch länger darüber zu sinnieren… das ist einfach nur Blödsinn, was da im DSB 2019 steht.

Kommt die Frage auf: Wie konnte das passieren?

War es Schusseligkeit? Das wäre aber ein Armutszeugnis. Und führt zu einer weiteren Frage: Liest sich den Bericht keiner vor Veröffentlichung durch? Wurde das echt komplett übersehen? Befassen die sich eigentlich mit DEM, was sie da veröffentlichen und was Grundlage für die Drogen- und Suchtpolitik ist?

Oder war es Absicht? Sollte der Eindruck vermittelt werden, schon Neugeborene würden an Lungenkrebs verrecken, weil die Mutter in der Schwangerschaft geraucht hat? Reichen die tatsächlichen verheerenden Auswirkungen des Rauchens, die ja nun wohl als bewiesen anzusehen sind, nicht, um das Ausmaß des Dramas darzustellen?

Au weia!

Auf den Bullshit mit dem „Thirdhand-Smoke“ in Bezug auf das E-Dampfen gehe ich hier nicht ein. Das ist so hirnverbrannt, da lohnt es sich nicht, viele Worte drüber zu verlieren. Nur eins möchte ich anmerken:

Auch bei E-Zigaretten und Shishas sind Ablagerungen von Partikeln aus dem Aerosol auf Oberflächen in Räumen nicht ausgeschlossen. Die Belastung ist umso höher, je mehr E-Zigaretten oder Shishas im Raum verwendet werden. Das haben Studienin­zwi­schen nachgewiesen (DKFZ, E-Zigaretten 2018).

[1]

Von schädlichen Ablagerungen auf Oberflächen durch das Dampfen steht in der Angegebenen Quelle [7] absolut NICHTS. Die Behauptung ist also durch nichts belegt und schwebt im luftleeren Raum… sie könnte aber theoretisch zu politischen Regelungen bezüglich Dampfverboten führen, wenn man mal echt pessimistisch denkt.

Nun die abschließende und grundsätzliche Frage:

Wie weit kann man dem Bericht eigentlich insgesamt vertrauen, wenn man schon in einzelnen Punkten solche handwerklichen Fehler oder manipulativen Falschbehauptungen findet?

Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten.


[1] https://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Drogenbeauftragte/4_Presse/1_Pressemitteilungen/2019/2019_IV.Q/DSB_2019_mj_barr.pdf
[2] https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/FzR/FzR_2019_Rauchen-und-Lungenerkrankungen.pdf
[3] https://eprints.nottingham.ac.uk/33435/8/1-s2.0-S0012369216485478-main.pdf
[4] https://www.researchgate.net/publication/235365797_50-Year_Trends_in_Smoking-Related_Mortality_in_the_United_States
[5] https://www.hhs.gov/sites/default/files/consequences-smoking-exec-summary.pdf
[6] https://ascopubs.org/doi/full/10.1200/JCO.2016.70.3249
[7] https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/FzR/FzR_2018_E-Zigaretten.pdf

One Reply to “Kann man dem Bericht vertrauen?”

  1. Selbst unsere milchigen Fensterscheiben oder die schmierigen Möbel sind nicht als Gefahr für unsere Lunge heranzuziehen, denn eine Scheibe /ein Möbel hat nun mal keine Fähigkeiten etwas zu verstoffwechseln. Ansonsten wären alle Leute bisher im Nebel oder im Dampf ersoffen. Selbst Ablagerungen hätte man nach über 15 Jahren (so lange gibt es ja das dampfen schon) schon mal bemerkt (gewiss wurde auch schon der eine oder andere verstorbene Dampfer einer Obduktion unterzogen) . Nichts ist diesbezüglich bekannt.
    Zu sagen : Je mehr Dampfer in einem Raum sind umso mehr Ablagerungen auf Flächen gibt es , dafür braucht es keine Studie. Das erkennt sogar ein 10 Jähriger in der Schule. Für diese Erkenntnis bekommt das DKFZ KEIN Fleisssternchen.

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