Viel hilft viel

Nachdem nun erste Informationen über die Ergebnisse der beiden Sucralose-Studien, die durch die Händlerverbände BfTG und VdeH in Auftrag gegeben wurden, durchgesickert sind, geht der Wahnsinn wieder los und die kopflose Hysterie nimmt ihren Lauf.

Vor über einem Jahr hatte das BfR eine Stellungnahme mit dem Titel „Süßstoff Sucralose: Beim Erhitzen von Lebensmitteln können gesundheits-schädliche Verbindungen entstehen“ veröffentlicht, in welchen sie vor dem Erhitzen von Lebensmitteln, die den Süßstoff Sucralose enthalten, warnen. Bei Temperaturen ab 120° C könnten gesundheitsschädliche chlorierte organische Verbindungen entstehen.

Zunächst erhielt die Stellungnahme nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit, aber in Richtung Herbst 2019 wurde die Sache dann doch zur Kenntnis genommen und es entstand eine Art Hysterie vor allem in der Dampfer-Szene. Sucralose ist nämlich auch als Süßungsmittel in etlichen Liquids – auch und gerade in nikotinfreien Shortfills – enthalten. Und weil die Dampfer ja dank der inzwischen etablierten Temperaturregelung wissen, welche Temperaturen am Heizelement vorherrschen, wurde ganz schnell gefolgert, dass da beim Konsum sucralosehaltiger Liquids ganz schlimme Stoffe im Aerosol vorhanden sein müssen.

Die Übeltäter waren auch schnell ausgemacht: Hersteller und Händler. Die sind es nämlich, die das Zeug ins Liquid mengen und die E-Dampfer damit in Todesgefahr bringen. Und dann deklarieren die es nicht einmal oder geben auch nicht die genaue Menge im Liquid an. Sowas aber auch! Hersteller und Händler wurden mit Anfragen über den Sucralose-Anteil zugeschüttet und öffentlich beschimpft, wenn diese nicht innerhalb vom Minuten ihre Liquidrezepte offenlegen wollten… also wurde „Boykott“ gerufen. Auch aus berufenen Quellen kam die Empfehlung, bloß keine sucralosehaltigen Liquids mehr zu dampfen und bärtige Ladys sprachen auf ihren Schuhtup-Kanälen gar vom Feind in Deinem Bett… äääh… vom „Gift in Deinem Liquid“.

Das alles, ohne auch nur annähernd abschätzen zu können, ob und wie das Dampfen davon überhaupt betroffen ist.

Da es noch gar keine verlässlichen Daten über die Auswirkung von Sucralose im Aerosol mobiler Liquidzerstäuber gab, war das eigentlich alles nur eine künstliche Blase ohne Gehalt.

Aus diesem Grund haben o.g. Händlerverbände Studien dazu in Auftrag gegeben. Die sind jetzt fertig und es sickerten, wie gesagt, erste Teilergebnisse durch.

Eine Information, die durchgesickert ist: Ja, im Aerosol wurden die kritischen Stoffe, z.B. Chloracetaldehyd, 2-Methyl-furan und 2-Propen-1-ol gefunden.

Angaben über die Menge haben aber nicht den vorzeitigen Weg in die Öffentlichkeit (Ist das überhaupt geplant? Oder erwünscht?) gefunden. Damit fehlt eine entscheidende Information. Um eine Giftigkeit anzugeben, ist immer eine Dosis anzugeben. Mengen unterhalb des NOEL haben keinen toxischen Effekt. Auch für die Einschätzung von Schadstoffmengen, die einen Effekt haben, ist die Angabe der gefundenen Menge notwendig, denn für die meisten Schadstoffe gibt es Grenzwerte, unterhalb derer kein schädlicher Effekt zu erwarten ist.

Aber allein die Nennung gefundener Substanzen führte zu einem neuerlichen Aufschrei in der Szene. Nun ist es amtlich! Dampfen mit Sucralose ist schädlich. Das ist aufgrund der bisherigen Informationen aber schlicht Blödsinn!

Auch das beim Dampfen konsumierte Nikotin ist ab einer bestimmten Dosis toxisch… es ist ab einer bestimmten Menge tödlich. Keiner käme aber auf die Idee, loszupoltern, Dampfen würde einen umbringen, weil Nikotin im Dampf ist. Das liegt daran, dass die Dosis im Dampf schlicht sehr deutlich unter der schädlichen Menge liegt. Und wenn das für die nun gefundenen Schadstoffe auch gilt, dann gibt es keinen Grund zur Panik und auch keinen Grund, es zu ächten oder zu verbieten.

Ich persönlich kann da ebenso wenig eine Abschätzung äußern, wie alle anderen, die das Gesamtergebnis nicht kennen. Ich würde also nicht die Botschaft aussenden, das Dampfen mit Sucralose sei harmlos… schlicht weil mir Informationen fehlen.

Aber ich würde selbst nicht auf sucralosehaltige Liquids verzichten, wenn ich denn sowas überhaupt dampfen würde. Ich dampfe ausschließlich mein selbstgemischtes „Pepes Tobacco“, das seit bald zwei Jahren sogar komplett ohne Süßungsmittel auskommt (früher habe ich Ethylmaltol genutzt… inzwischen reicht mir die Süße der 35% Glycerin).

Aber ich hätte keine Bedenken. Und das aus einem bestimmten Grund:

Es wurden nämlich noch andere Informationen geleakt. Und zwar zur Versuchsdurchführung bei den Studien. Es wurden da Flüssigkeiten mit 0%, 1% und 7,5% Sucralose verdampft. Bzw. bei der zweiten Studie mit 0%, 0,1%, 0,25%, 0,5%, 1% und 2% Sucralose.

Das klingt nach wenig, ist tatsächlich aber sehr viel, Zu viel! Mehr, als in der Praxis üblich und überhaupt noch dampfbar. Sucralose hat eine enorme Süßwirkung und muss deshalb, um überhaupt noch genießbar zu sein, sehr gering dosiert werden. In handelsüblichen Liquids findet man kaum mehr als 0,15%. Bei ganz übersüßen mögen es vielleicht sogar 0,2% sein. Bei den meisten sind es um die 0,1%.

Vermutlich wurde, um überhaupt etwas zu finden, mit wesentlich höheren Konzentrationen gearbeitet. Viel hilft viel!

Laut der Studie des VdeH wurde bei einem Anteil von bis zu 0,5% Sucralose quasi gar nichts gefunden (evtl. knapp über der Nachweisgrenze), weshalb diese Menge eher unbedenklich wäre. Und damit ist der Drops gelutscht! Die Liquids aus dem Handel enthalten nicht einmal die Hälfte der unbedenklichen Menge Sucralose. Erst über 1% würde es zunehmend kritisch. Nur… das kriegste nicht zu kaufen und das könnte und würde eh keiner dampfen. Übersüß (so ca. 0,2 – 0,25%) geht gerade noch… danach wird es ungenießbar. So ein Liquid würde quasi niemand (bis auf ein, zwei Durchgeknallte) kaufen… und deshalb wird das auch kein Händler im Angebot haben. Damit kann man keinen Gewinn machen, weil es keiner kauft.

Schließlich sollte man sich auch mal auf den gesunden Menschenverstand besinnen. Sucralose wird schon sehr lange in der Lebensmittelindustrie verwendet. Und das nicht nur bei Kaltgetränken und Kaugummis. Man findet es sehr oft auch in Fertiggebäck (das heiß gebacken wurde) und in Backmischungen (die heiß gebacken werden). Sicher wird da einiges zersetzt, wenn es im Ofen ist… aber beileibe nicht alles, sondern sehr wenig, sonst würde das Endprodukt nämlich nicht mehr süß (genug) schmecken. Es zersetzt sich also sehr wenig und wirklich nicht alles (hat nicht einmal das BfR behauptet). Und das bei Produkten, die komplett über 120° C durcherhitzt werden.

Nun wird beim Dampfen aber nicht das komplette Liquid durcherhitzt, sondern nur eine winzige Menge, die dann das lauwarme Liquid zerstäubt (AFAIK 18 – Atomizer und nicht Kochtopf). Eine winzige Menge wird also stark erhitzt.

Und wie oben bereits erklärt, ist selbst im süßesten Liquid nur ganz wenig Sucralose.

Es zersetzt sich also sehr wenig Sucralose aus einer winzigen Menge Liquid, das eh nur ganz wenig Sucralose enthält.

Nun die Preisfrage: Werden da relevante Mengen der kritischen Stoffe zu erwarten sein?

Na ja… trotzdem wird jetzt geschrien, geschimpft, beleidigt, gestritten, gehasst und eine Hysterie losgetreten, dass wieder für Wochen die Decke wackelt. Ist halt Saure-Gurken-Zeit. 😉

2 Replies to “Viel hilft viel”

  1. Moin Pepe

    Erst mal danke für den Artikel. Mich würde da mal folgendes Interessieren. Du schreibst in deinem Artikel folgendes:
    „Die Liquids aus dem Handel enthalten nicht einmal die Hälfte der unbedenklichen Menge Sucralose. Erst über 1% würde es zunehmend kritisch. Nur… das kriegste nicht zu kaufen und das könnte und würde eh keiner dampfen. Übersüß (so ca. 0,2 – 0,25%) geht gerade noch… danach wird es ungenießbar. So ein Liquid würde quasi niemand (bis auf ein, zwei Durchgeknallte) kaufen… und deshalb wird das auch kein Händler im Angebot haben. Damit kann man keinen Gewinn machen, weil es keiner kauft.“

    Woher weißt du wie viel Sucralose in den Liquids Aromen etc. drin ist? Hast du da Quellen bzw. Erfahrungswerte?

    Ich versuche mich aus dieser „Gesundheitsdebatte“ heraus zu halten. Ich sehe hier eher das Problem politisch auf uns zu rollen. Denn wenn dieses Sucralose Problem in die politische Debatte einfließen wird (Aromenverbote etc.) und das wird kommen da bin ich mir sicher wird es den Akteuren scheißegal sein wie hoch das Schadenspotenzial tatsächlich ist. Denn es geht hier ja schließlich um die Gesundheit unserer Kinder.

    Das das Schwachsinn ist weiß ich auch, aber das Thema Sucralose könnte uns da noch auf die Füße fallen. Na ja vielleicht sehe ich das aber auch zu Schwarz. Wer Weiß?
    MFG Roman..!

    1. Hi Roman,

      ja ich hab da meine Quellen (vertraulich). Ähnliche Größenordnungen kenne auch andere aus anderen Quellen.

      Ich sehe das übrigens auch sehr kritisch. Das ist ein Aspekt meines heutigen Artikels (And the winner is:). Die Scheiße wird uns eventuell noch mächtig auf die Füße fallen, denn sowas ist ein gefundenes Fressen für alle Einschränkungs-Befürworter.

      Man kann nur hoffen, dass die Angelegenheit abebbt… aber ich befürchte, das Gegenteil, weil jetzt die damaligen Panikmacher so lange drängeln, bis die Zahlen öffentlich werden… und dann werden sie schimpfen, obwohl der Studienansatz realitätsfern war.

      Gruß
      Daniel

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