Alles zurück auf Anfang

Ich habe drei Nachrichten. Zwei schlechte und eine gute.

Geld generieren ist nicht mehr

Fangen wir mal mit der ersten schlechten Nachricht an: Alle Video-Kanal-Betreiber, die ihr Geld mit ihren Videokanal verdient haben, werden sich nun einen anständigen Job suchen müssen. Mit der Kohle ist jetzt endgültig Schluss.

Telemediengesetz und der Medienstaatsvertrag sorgen dafür, dass es nun ganz enge Grenzen beim Erstellen kommerziellen Video-Contents gibt und der erst im November geänderte § 20 TabakerzG verhindert nun auch audiovisuelle kommerziellen Kommunikation… also Werbung, Produktplatzierung und Schleichwerbung auch bei Video-Sharing-Diensten wie YouTube, aber auch bei alternativen Plattformen.

Ist nix mehr mit Kohle durch Unboxing-Videos und Geschmacktests („Mmmh, lecker!). War klar, dass die Blase irgendwann platzt. Influencing ist kein Job bis zur Rente. Und Werbevideos als Kleinselbständiger ebenso nicht. Aber es werden ja Fachkräfte gesucht… da sollte der Arbeitsmarkt doch was hergeben.

Overblocking

Die zweite schlechte Nachricht: Es wird auch zahlreiche andere Videokanäle reißen, die nicht kommerziell agieren und keine Werbung betreiben. Grund dafür ist, dass auch die Betreiber der Sharing-Plattformen mit in Haftung genommen werden. Nun wird der Betreiber im Zweifel bei E-Dampf-Content eher vorbeugend blocken, löschen oder Kanäle sperren. Dabei ist es auch egal, ob es sich tatsächlich um verbotenen Content handelt. Overblocking ist vorprogrammiert.

Erschwerend dazu kommen noch die Abmahnvereine, die sich gerade wie die Geier auf die Dampf-Tuber stürzen, die ihrerseits nicht gut genug informiert sind, um abschätzen zu können, ob ihnen wirklich Gefahr droht. Dabei sind eine Abschätzung und das Vorbeugen kein Hexenwerk… und es gibt Mechanismen, mit denen man solchen Aasgeiern das Handwerk legen kann.

Aber die Unsicherheit führt dazu, dass nicht-kommerzielle und keine Werbung betreibenden Kanalbetreiber reihenweise Videos löschen oder — was mindestens genauso hirnrissig ist — mit einer Altersfreigabe versehen.

Das Kanalsterben wird weiter gehen und es wird viel Content verschwinden. Um die Goldgräber ist es letztlich nicht sonderlich schade.

Es kann trotzdem weitergehen

Nun aber die positive Nachricht: Alles zurück auf Anfang! Die Uhr bei YouTube und co. ist abgelaufen. Aber es gibt Alternativen… gute Alternativen… Alternativen bei denen ein Overblocking wie bei den aSozialen Diensten nicht droht. Nun wäre es an den Video-Enthusiasten, die ihre (teilweise echt professionellen) Videos nicht für einen Nebenverdienst oder zum Bestreiten des Lebensunterhaltes genutzt haben, sich aufzurichten und neuen (gerne aber auch alten, bereits vorhandenen) Content auf eben diese Alternativen zu verteilen.

Klar ist, dass die alternativen Plattformen (noch) nicht die Reichweite haben, wie die großen Player… zur Zeit nicht einmal annähernd. Aber wie viele treue „Follower“ sind denn auch erst durch Hinweise überhaupt auf YouTube oder speziell auf die Dampfer-Kanäle aufmerksam geworden? Das funktioniert mit Sicherheit genauso gut auch mit den alternativen Plattformen. Und die sind auch nicht mehr kompliziert oder rückständig, sondern technisch auf einem sehr guten Stand. Da in der Regel Content auch ohne einen Account abgerufen werden kann, sollte die Hemmschwelle gering sein. Auch das Embedden funktioniert bei diesen Plattformen.

Die gute Nachricht ist also, dass es durchaus weitergehen kann… allerdings beginnt die Video-Szene beinahe (nur beinahe, weil alte Hasen ja über genügend Content verfügen, den sie sofort anbieten können) wieder bei Null. Aber ein Neustart ist auch eine Chance. Die alternativen Plattformen können allerdings (grundsätzlich) auch nicht für illegale (mit Werbung, Produktplatzierung etc.) genutzt werden… da ist man auch dort in Gefahr. Aber ein Overblocking ist eher unwahrscheinlich und, je nach Konzept, sogar teilweise unmöglich. Vielleicht liegt hier die neue Chance… und das alles werbefrei.

Bei der Wahl der Alternative hat man auf den ersten Blick auch die Qual derselben. Es gibt einige, inzwischen schon halbwegs etablierte, Plattformen, die aber einen großen Nachteil mit YouTube gemein haben: es sind Walled Gardens. Dazu gehört z.B. BitChute. Hier ist man wieder von einer zentralen Plattform-Instanz (www.bitchute.com) abhängig.

Dezentrale (föderierte) Plattformen…

Besser sind die wirklich dezentralen Dienste (zu denen auch Mediagoblin gehört) deren prominentester (und in meinen Augen bester und ausgereiftester) Vertreter PeerTube ist. PeerTube ist Teil des Fediverse, einem „Universum“ verteilter Dienste und Plattformen. Es nutzt das ActivityPub Protokoll, wodurch es möglich ist, Videokanälen auch bei Mastodon, Hubzilla und anderen Netzwerken zu folgen und sogar Videos über diese Netzwerke zu kommentieren. Ein großer Vorteil ist, dass man sogar selbst auf einem Server eine Instanz installieren kann, die dann Teil des Fediverse wird.

PeerTube erlaubt noch kein Live-Streaming, diese Funktion ist aber sehr bald auch implementiert. Derzeit befindet sie sich noch in der Entwicklung. Diese findet bei Framasoft statt und wird durch Spenden finanziert. Es ist also kein „Garagen-Projekt“, sondern es wird ziemlich professionell gearbeitet. Das Spendenziel für die Streaming-Funktion ist übrigens schon übertroffen… das kommt also.

…oder die Blockchain

Wer derzeit live streamen möchte, ist (bis PeerTube das auch bietet) noch auf Steemit bzw. auf das assoziierte Projekt DLive angewiesen. Dies basiert (wie auch die Steemit-YouTube-Entsprechung D.tube) auf der Blockchain-Technologie von Steemit. Hier ist die maximale Zensurresistenz gegeben, denn Inhalte sind gar nicht löschbar. Inzwischen läuft Steemit mit seinen angebundenen Diensten schon richtig gut, es hapert aber noch mit der Benutzerfreundlichkeit und ab und an mit der Erreichbarkeit.

Das Fediverse bietet mehr

Klar ist aber, dass es durchaus gute alternativen zu den etablierten Video-Plattformen gibt. Derzeit würde ich persönlich zu PeerTube raten. Hier gibt es zwar nicht die absolute Zensurresistenz wie bei Steemit, das System ist aber einfach benutzbar und durch seine Einbindung in das Fediverse an sehr viele andere Plattformen angebunden (z.B. Mastodon als Twitter-Ersatz, Hubzilla als Facebook-Ersatz, PixelFed als Instagram-Ersatz…).

Wer sich völlig unabhängig machen möchte, nutzt Steemit bzw. D.tube und/oder DLive.

Um die Videos und die Plattformen bekannt zu machen, kann man wie bei YouTube vorgehen: Teilen, teilen, teilen…

Wer Interesse am Content hat, wird sich diesen auch dort anschauen… und man kann seine Zuschauer auch noch mit dem Argument überzeugen, dass sie mit dem Anschauen ihre Daten nicht den großen Datenkraken in den Rachen werfen.

So werden die alternativen Plattformen (auch die anderen Sozialen Netzwerke) nach und nach mehr und mehr Nutzer gewinnen und einen echten Mehrwert bieten.

4 Replies to “Alles zurück auf Anfang”

  1. Es ist immer der gleiche Kreislauf. Kleine Alternativ-Platformen entwickeln sich. Dann werden sie entweder groß, aufgekauft oder sie verschwinden spurlos. Trotzdem würde ich mich als Kobsument freuen wenn die Kanäle auf diese Plattformen wechseln, anstatt einfach alles zu löschen.

    1. Die Gefahr besteht im Fediverse nicht. Es gibt da die Plattform-Software, die open source ist, und eine beliebige Zahl an Servern, die diese Software installiert haben und über festgelegte Protokolle miteinander verbunden sind. Das kann keiner einfach so „aufkaufen“. Da jeder(!) die Möglichkeit hat, eine Instanz auf einem Server anzubieten, ist es in der Hinsicht gegen solche Aktionen resistent. Ich selbst betreibe zwei Hubzilla Hubs, einen Friendica-Hub und werde demnächst auch einen PeerTube Hub aufsetzen. Mich wird keiner aufkaufen wollen… es gibt nur eine Hand voll Nutzer auf meinen Servern. Trotzdem erreicht man von meinem Hub aus tausende andere Nutzer. Und falls mein Hub mal (ich wüsste jetzt zwar keinen Grund) verschwinden sollte, besteht das Netzwerk weiter.

      Schau mal hier: Federation-Info

      Es gibt (zum Zeitpunkt, als ich diesen Kommentar verfasst habe) 51 Projekte (also Systeme… Hubzilla, PeerTube, Mastodon etc.), die über 15 Protokolle mitenander kommunizieren. Das Fediverse verteilt sich auf 8.422 Server und beherbergt 4.101.808 Nutzer.

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