Müssen WIR Risikogruppen warnen?

Verschiedentlich wird die Meinung verbreitet, wir Dampfer müssten bestimmte Risikogruppen vor dem Konsum von Nikotin warnen, ja es wäre sogar notwendig, dass „gewissenhafte“ Händler an solche Risikogruppen keine Liquids mit Nikotin verkaufen dürften.

Was ein Quatsch. Für so ziemlich jedes Produkt gibt es gewisse Gruppen, die beim Konsum erhöhten Risiken ausgesetzt sind. Ich habe aber bisher noch nicht wirklich mitbekommen, dass Konsumenten dieser Produkte Angehörige solcher „Risikogruppen“ irgendwie gewarnt hätten. Bei Allergenen gibt es vorgeschriebene Warnhinweise, die man irgendwo auf der Verpackung findet. Das war es aber schon. Und da geht es auch eher darum, Gefährdete zu warnen, weil sie gar nicht unbedingt davon ausgehen müssen, dass „ihr“ Allergen überhaupt in dem Produkt drin ist. Ist es offensichtlich (und dann auch in der Zutatenliste aufgeführt), gibt es eine solche Warnung nicht. Beispiel Hanuta… „Haselnuss-Tafel“! Da steht nicht drauf, wie auf irgendeiner Schokolade (nein, keine Nuss-Schokolade… irgendeine halt): „Kann Spuren von Haselnüssen enthalten.“ Da steht in der Zutatenliste: „Haselnüsse 13 %“. Wer nun eine Haselnuss-Allergie hat, der wird das Produkt einfach meiden. Eigenverantwortung! Der muss nicht „gewarnt“ werden… nicht einmal vom Hersteller, nicht vom Händler… und schon gar nicht von der Hanuta-Konsumenten-Szene. Ist doch albern… also jetzt das Wort „Hanuta-Konsumenten-Szene“ oder verkürzt „Hanuta-Szene“.

Aber wir aus der Dampfer-Szene sollen Angehörige von Risikogruppen warnen… und die Händler sollen denen gar keine Nikotinliquids verkaufen. Wie kann man auf die Idee kommen?

Ach so… weil Nikotin für diese Gruppen angeblich „tödliche Risiken“ birgt. Das ist auch so eine, teilweise geäußerte, mächtig aufgeblasene Äußerung.

Für den Konsumenten der keiner Risikogruppe angehört, ist Nikotin in den beim Dampfen genossenen Mengen harmlos. Aufgrund seiner wenigen und leichten Wirkungen auf den Körper sollten sich aber gewisse Gruppen Gedanken machen. Nikotin führt zu einer Erhöhung der Herzfrequenz (kurzfristig), zu einer Verengung vor allem der peripheren Blutgefäße (kurzfristig) und damit zu einer Blutdruckerhöhung (kurzfristig).

Wer also unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leidet, sollte sich über diese Wirkungen im Klaren sein und — meine Empfehlung — Rücksprache mit seinem Arzt halten. Ist es ein guter Arzt, so wird er denjenigen dabei unterstützen eine unter Risikoabwägung getroffene Konsumentscheidung zu treffen. Akut und schwer Herz-Kreislauf-Erkrankte sollten das Nikotin besser weglassen, wobei es allemal besser ist, das Nikotin mit dem Vaporizer zu konsumieren, statt in Form des Tabakrauchens (hier nämlich ist das Nikotin im Rauch das wirklich kleinste Problem). Das gilt aber echt für die schwereren Fälle. Weiß man um seine Erkrankung, obliegt es der eigenen Verantwortung, sich ggf. Gedanken über das eigene Konsumverhalten zu machen.

Ich weiß, wovon ich rede… ich gehöre nämlich selbst einer „Risikogruppe“ an. Ich leide nämlich unter erblich bedingtem Belastungsbluthochdruck und leichter Herz-Arrhythmie. Mein Bluthochdruck ist seit über einem Jahrzehnt medikamentös gut eingestellt und die Arrhythmien lassen sich durch Konsumbeschränkungen auch gut vermeiden. Bevor ich die Arrhythmien bekam, war ich ziemlich maßlos im Konsum gewisser Substanzen… nämlich Koffein und Nikotin. Aber ich habe halt einen sehr(!) guten Arzt (hier in Ungarn… das Gesundheitssystem ist um Klassen besser als sein Ruf im Ausland… aber das ist eine zu lange Geschichte), der mir nicht empfahl oder vorschrieb, auf diese Stoffe künftig zu verzichten. Er gab mir Empfehlungen bezüglich der Konsummenge. Als Kaffee-Säufer (ein Liter Minimum am Tag) und Vaper mit einem täglichen Konsum von ca. 40 – 50 mg Nikotin am Tag waren die physiologischen Wirkungen sehr ungünstig für meine Krankheiten. Weil ich auf den Nikotinkonsum nicht verzichten wollte, empfahl mir mein Arzt (in meinem konkreten Fall), nicht mehr als 100 – 120 mg Koffein am Tag zu konsumieren. Nun bestand aber meine Standard-Flüssigkeitszufuhr aus Cola Zero (Marka-Cola Zero… ein ungarisches Produkt, das nicht so schrecklich süß ist) und brachte schon einmal locker 100 mg am Tag Koffein in die Waagschale. Das bedeutete, dass ich maximal einen Kaffee am Tag trinken konnte. So bin ich auf entkoffeinierten Kaffee (kein Billig-Produkt aus dem Supermarkt, sondern hochwertige Bohnen aus guten Anbaugebieten mit schonender Entkoffeinierung) umgestiegen und habe ab und an mal am Tag einen richtig leckeren Kaffee mit Koffein genossen (Cafe Frei).

Was soll ich sagen? Ich habe seit dieser Konsumumstellung keine Blutdruck-Probleme mehr und Arrhythmien treten quasi gar nicht mehr auf. Mein Doc wusste, wovor er sprach. Da ich nun diesen Sommer auch noch die Cola weglasse, kann ich mit am Tag auch locker drei, vier tolle Koffein-Kaffees gönnen (mein Favorit: Nicaraguai Dohány Kávé – almavál… ein sanfter Nicaragua-Kaffee mit Tabak und Apfel).

Klar, wer kurz vor einem Infarkt steht oder so, der sollte sich halt überlegen, ob er Nikotin konsumiert… oder ob er ggf. einfach so sterben will.

Aber nun zu verallgemeinern, Nikotin berge für bestimmte Risikogruppen ein „tödliches“ Risiko ist nix als Panikmache. Und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Blöd sind die dran, die nichts von ihrer Erkrankung wissen. Aber das ist im Leben halt so. Ich wusste auch bis zu meinem 17 Lebensjahr nicht, das ich auf Kerbtiereiweiß hoch-allergisch reagieren. Das habe ich durch einen anaphylaktischen Schock herausfinden „dürfen“, den ich zum Glück überlebt habe, weil der Notarzt schnell genug da war. Trotzdem wird jetzt keiner sagen, Krabben stellten ein tödliches Risiko dar… obwohl es für mich persönlich so ist.

Als weitere Risikogruppe werden gerne die Schwangeren angeführt. Woher diese (weit verbreitete) „Weisheit“ kommt, erschließt sich mir nicht.

Zu diesem vermeintlichen Risiko gibt es keine belastbaren Studien. Sucht man nach Schwangerschaft und Nikotin, so bekommt man nahezu ausschließlich Studien zum Rauchen während der Schwangerschaft präsentiert. Dass Rauchen in der Schwangerschaft keine gute Idee ist, erschließt sich dem informierten Konsumenten von selbst. Nur… da ist es nicht das Nikotin, das für Totgeburten, Abgänge, geringes Geburtsgewicht und Fehlentwicklungen etc. sorgt. Nikotinkonsum wurde (und wird leider noch) immer mit dem Rauchen gleichgesetzt. Allein schon das Kohlenmonoxid im Rauch ist der Hammer nicht nur für den Raucher, sondern auch für das ungeborene Kind. Stichwort: Sauerstoffunterversorgung. Hinzu kommen etliche Stoffe in nicht unrelevanter Menge, die auf den kleinen Körper über die Plazenta einwirken.

Man findet, wenn man intensiv sucht, lediglich Studien, bei der tragende Rattenweibchen mit Nikotin versorgt wurden. Und da meint man, mehr Fehlentwicklungen als normal beim Nervensystem festgestellt zu haben. Aber die Macher der Studie sind selbst nicht so wirklich davon überzeugt, dass sich das auch nur annähernd auf den Menschen übertragen lässt. Deshalb strotzt das Fazit der Studie auch von Konjunktiven… „könnte“, „ist nicht auszuschließen, dass“… „möglicherweise“… … …

Eine Studie am Menschen wäre so schon ethisch (vor allem medizinethisch) gar nicht durchführbar… und aufgrund der Vermutungen aus der Rattenstudie schon mal gar nicht, denn niemand darf das Risiko eingehen, am lebenden Objekt, also der schwangeren Frau herumzuexperimentieren. Selbst wenn man meint, da würde schon nix passieren. Geht nicht. Deshalb nur eine Studie… und die halt mit Ratten.

Seit neuestem wird auch mit einer Studie argumentiert, die Vaporizer mit NRT als Mittel zum Rauchstopp während der Schwangerschaft vergleicht.

Nur… in der Studie wird nicht mit einer entsprechenden Gruppe von Nichtraucherinnen verglichen. Damit kann diese Studie überhaupt keine Aussagen darüber treffen, ob Nikotinkonsum ohne zu Rauchen einen Einfluss auf den Verlauf der Schwangerschaft oder das Kind hat. Bezüglich dieser Frage ist die Studie wertlos. Und sie belegt auch kein behauptetes Risiko bezüglich des Nikotinkonsums während der Schwangerschaft.

Die Warnhinweise bei bestimmten NRT bezüglich der Nutzung während der Schwangerschaft kommen ohne Belege daher und beziehen sich höchstens auf die Rattenstudie.

Dass also Nikotinkonsum während der Schwangerschaft eine Gefährdung für das ungeborene Kind hat, oder gar auf das Kind nach der Geburt, ist derzeit lediglich eine Legende. „Tödliche Risiken“ sind eine maßlose Übertreibung, die höchstens dafür sorgen kann, dass Schwangere nicht von der Tabakzigarette auf die harmlosen Vaporizer umsteigen… das empfinde ich als unverantwortlich.

Insgesamt sind die Risiken — insbesondere, wenn man sie mit den Risiken des Tabakkonsums vergleicht, was man, wenn man seriös argumentieren möchte, immer tun sollte — des Nikotinkonsums für Angehörige von Risikogruppen kein Grund zum Alarmismus. Und schon gar kein Grund für uns Konsumenten, andere vor diesen überschaubaren Risiken zu warnen. Wer eh unmittelbar vor einem Herzinfarkt steht und es weiß, der spielt halt mit seinem Leben und seiner Gesundheit und es gibt zahlreiche andere „letzte Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen können“ (Kaffee, Alk, Stress, Sex…). Und wer es nicht weiß, dass er am Abgrund steht, den kann man auch mit Warnungen nicht mehr retten. Das Leben ist halt lebensgefährlich und endet immer mit dem Tod.

WIR müssen also niemanden warnen. Alle anderen werden nach gesetzlicher Verpflichtung ohnehin vom Hersteller über vorgeschriebene Informationstexte „gewarnt“. Alarmismus in dieser Hinsicht sorgt nur dafür, dass der ohnehin schon schlechte Ruf (aufgrund von Desinformation und Propaganda) nicht besser, sondern eher schlechter wird. Das allgemeine Lebensrisiko sollte jedem bekannt sein, auch wenn es einem vielleicht nicht immer bewusst ist.


Nikotin – Physiologische Wirkung

Effects of Nicotine on Early Pregnancy in the Rat

Prenatal Exposure to Nicotine in Pregnant Rat Increased Inflammatory Marker in Newborn Rat

Nicotine dose-concentration relationship and pregnancy outcomes in rat: biologic plausibility and implications for future research

Nicotine exposure in pregnant rats puts offspring at risk for learning disabilities

Electronic cigarettes versus nicotine patches for smoking cessation in pregnancy: a randomized controlled trial

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