Crossroads
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…oder: Wenn man seine Seele an den Teufel verkauft
In der Diskussion, ob sich Konsumentenverbände des E-Dampfens oder Fürsprecher der Tobacco Harm Reduction (THR; Tabak-Schadensminimierung) besser von der Tabakindustrie distanzieren sollten, sind in den letzten Tagen etliche „kühne“ Behauptungen aufgestellt worden.
Es wurde teilweise gepredigt, die Befürworter des E-Dampfens sollten den Schulterschluss mit der Tabakindustrie suchen, denn man kämpfe ja gegen einen gemeinsamen Feind und könne nur gemeinsam bestehen. Mit dem Feind sind die ANTZ gemeint oder vielleicht auch die Pharmaindustrie.
WTF?
Big-T als Verbündeter? An Big-T führt eh kein Weg vorbei?
Womit wird das denn begründet?
Nun, immer häufiger liest man, dass Big-T sich ja so sehr in puncto THR engagieren würde. Sie würden viel für die THR tun und deshalb sei es für jeden, der sich die THR auf die Fahnen geschrieben hat (also echt jetzt) völlig klar, dass Big-T ein Verbündeter ist. Und wer das leugnet oder nicht will, der sei damit auch nicht wirklich für THR.
Alles klar! Die Konzerne, die über 90% des Umsatzes mit Tabakzigaretten und andere Tabakwaren machen, wollen eigentlich viel lieber ein Produkt fördern, das einen Anteil von nicht einmal 3% am Jahresumsatz hat. Weil sie nämlich Schaden von ihren Kunden fernhalten wollen. Umsätze und Gewinne sind ihnen gar nicht so wichtig wie das Wohl der Menschheit. Das war vermutlich immer schon so, weshalb sie auch in der Vergangenheit das „gesunde Rauchen mit Light-Zigaretten“ erfunden haben. Das Wohl der Kunden lag ihnen immer schon am Herzen und Geld allein macht nicht glücklich. (Achtung: Der letzte Absatz könnte mit einer Spur Ironie gewürzt gewesen sein.)
Wenn jemand das wirklich glaubt, dann frage ich, wie es denn um den Weihnachtsmann und den Osterhasen steht.
Da zieht auch nicht das ebenfalls vorgebrachte Argument, Big-T sei doch nicht so blöde und würde selbst in Produkte und deren Entwicklung stecken, wenn sie wollten, dass eben diese Produkte zer-reguliert werden.
DOCH, genau das tun sie. Und das hat auch einen Grund. Mit Tabakzigaretten etc. verdienen sie SO viel, dass die Investitionen in Dampfprodukte kaum ins Gewicht fällt… das ist eher Portokassen-Niveau. Und es hat für sie auch noch andere Vorteile. Einmal betreiben sie Imagepflege und Greenwashing. Sie versuchen das Image aufzubauen, sie wären nun geläutert, hätten erkannt, dass ihr Kernprodukt jährlich Millionen Menschen tötet und würden all den Abhängigen, die sie produziert haben und weiter produzieren, nun doch eine Möglichkeit geben, die Tabaksucht zu überwinden.
Das ist gut fürs Image! Zumindest für eine gewisse Zeit und für eine Zielgruppe, die blöd genug ist, das zu glauben.
DOCH, genau das tun sie. Das hat noch einen weiteren Grund. Für die Tabakindustrie sind die Umsätze, die sie mit dem E-Dampfen erzeugen, Peanuts (weltweit werden insgesamt Umsätze in Höhe von gut 18.300 Millionen Euro für 2021 erwartet… im E-Dampf-Bereich… hingegen aber knapp 619.000 Millionen Euro bei den Tabakzigaretten). Trotzdem wollen sie dieses kleine Stück vom Kuchen keinem anderen überlassen. Sie wollen ihre Kunden behalten. Deshalb gibt es von ihnen auch nur geschlossene Produkte, die 1. den Kunden an die eigene Marke binden und 2. die man letztlich durchsetzen kann, indem man in den Hinterzimmern beeinflusst und schmiert, wobei ihnen dann auch noch die ANTZ helfen. Ihre Produkte werden sicher auch von vielen Umsteigern genutzt. Aber es geht Big-T nicht darum, dass diese endgültig umsteigen und sie lieben Dual-User… vor allem diese, die ihre Dampf-Produkte nur als gelegentliche Ergänzung zu den Nikotinrouladen sehen. Diejenigen, die das Dampfen als Möglichkeit sehen, die Sucht vielleicht auch in Situationen zu befriedigen, wo das Rauchen nicht möglich ist. Damit wurde ja sogar geworben. Aber klar ist: Big-T will seine Kunden behalten und Big-T will, dass seine Kunden Tabakraucher bleiben. Wenn die Kunden dann mal dampfen wollen (generell oder nur gelegentlich), dann wollen sie, dass DIESE Kunden auch IHRE Kunden bleiben. Der E-Dampf-Branche gönnen sie nicht einmal die übrig bleibenden Krümel!
Wer wirklich meint, die Tabakindustrie sei für THR, ist tatsächlich eher „tiefbegabt“, wie eine bekannte Persönlichkeit immer über andere urteilt, die ihr nicht blind folgen. Die selbst aber auch auf die THR-Lüge von Big-T hereinfällt und sie dabei auch noch unterstützt, diese zu verbreiten (das durchaus berechtigt auch gewinnorientiert).
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Fakt ist aber auch: Unser „Kampf“ ist nicht der Kampf gegen Big-T. Wir sollten nur nicht so blöd sein und uns mit Big-T zu verbünden… das wäre eine tödliche Umarmung (es sei denn, wir wären bestrebt, dass das E-Dampfen in naher Zukunft auf das Lutschen an elektrischen Kugelschreibern beschränkt ist). Crossroads… wir stehen in Bezug auf die Tabakindustrie am Scheideweg… und die Zukunft des Dampfens wird auch davon abhängen, ob wir einen Pakt mit dem Teufel schließen. Tun wir das, dann liefern wir unseren eigentlichen Gegnern, den ANTZ und der Pharmaindustrie, eine wertvolle Waffe, die diese nutzen können, uns weiter zu diskreditieren und für die Politik zu verbrennen.
Trotzdem sollten wir auch nicht aus den Augen verlieren, dass Big-T in den Hinterzimmern durchaus gegen das Dampfen agiert. Und dagegen sollten wir uns auch verteidigen. Die aktuelle Entwicklung auf dem Gebiet der Steuern zeigt ganz klar, dass Big-T hinter den Kulissen die Fäden zieht. Während das Tabakrauchen mit einer deutlichen Steuererhöhung zu rechnen hat, die aber dann doch (dank Hinterzimmerarbeit) so moderat ausfällt, dass die schwer vom Rauchen abhängigen Kunden von Big-T nicht plötzlich und ohne Hilfe aufhören werden, wurde eine Liquid- (also Nikotin-im-Liquid-) Steuer ins Spiel gebracht, die den Markt durchaus vernichten kann.
Aber was Big-T anbelangt, geht es mehr um die reine Defensive (wenn sie uns im Vorübergehen einen Leberhaken verpassen wollen), während wir gegen die ANTZ und die Pharmaindustrie eher offensiv agieren sollten. Ganz wichtig ist aber, sich von sämtlichen Gegnern fernzuhalten, denn eine Kooperation führt letztlich zum Tod des E-Dampfens.
https://de.statista.com/outlook/50010000/100/zigaretten/weltweit
https://de.statista.com/outlook/50040000/100/e-zigaretten/weltweit
Ich denke nicht, das gesagt worden ist:
„dass Big-T sich ja so sehr in puncto THR engagieren würde. Sie würden viel für die THR tun und deshalb sei es für jeden, der sich die THR auf die Fahnen geschrieben hat (also echt jetzt) völlig klar, dass Big-T ein Verbündeter ist. Und wer das leugnet oder nicht will, der sei damit auch nicht wirklich für THR.“
Ich denke viel eher das es darum geht, dass ein Großteil der Umsteiger mit Produkten von BIG-T umgestiegen ist. Das wird allzu oft schlicht negiert. Es passt halt nicht ins Weltbild. Trotzdem ist es eine Tatsache.
Das BT den allermeisten Teil seiner Einnahmen durch Tabakprodukte erzielt sollte kein Geheimnis sein. Scheint irgendwie logisch… Trotzdem, schaut man in die Zukunft und behält dabei im Auge wie scharf derartige Produkte mittlerweile reguliert werden, ist es nicht besonders abwegig zu behaupten, dass der Weg noch steiniger werden wird. Sie sind also gezwungen sich früher oder später auf ein Ausweichprodukt zu konzentrieren, aus rein strategischen Erwägungen. THR steht da wohl nicht im Vordergrund, auch das wird niemand allen Ernstes behauptet haben. Die Finanzargumentation macht nur dann Sinn, wenn man glaubt ANTZ und speziell WHO würden die Zigarette in Zukunft einfach ignorieren… Werden Sie nicht, genauso wenig wie die Dampfer.
Den Scheideweg sehe ich auch nicht, dazu bedürfte es erst einmal einer gemeinschaftlich agierenden Basis, übergreifender Zusammenarbeit existierender Verbände (auch Händler und Konsumenten), dem ausloten und benutzen von Schnittmengen usw. und am wichtigsten einem gemeinsamen Ziel, nicht mal das existiert bei genauerer Betrachtung. Im Gegenteil da scheut einer den anderen wie der Teufel das Weihwasser.
Momentan gibt es vielleicht einzelne Meinungen, vorsichtig formulierte Bestrebungen etc., nicht mehr.
Sicher wurde das nicht durch Dich gesagt. Aber ich habe sowas in der Vergangenheit gelesen (u.a. von einem der kürzlich wegen seiner Nähe zu Big-T angegriffen wurde). Ist tatsächlich in der Art kommuniziert worden.
Wo denn? Hat das zu deutlichen Umsatzrückgängen geführt? Eher nicht. Schockbilder, Steuern (keine 500 oder 1.000+, sondern eher moderat und in Scheibchen, wie Salami), Rauchverbote etc. haben nur eine ganz geringe Auswirkung. Das Fatale am Rauchen ist, dass es sehr schnell sehr abhängig macht. Deshalb sind die Zahlen nach wie vor ziemlich hoch. Und Big-T verdient kräftig damit. Das wird sich auch durch die ANTZ oder die WHO nicht in absehbarer Zeit ändern, denn die Lobby ist mächtig genug. In den letzten zehn Jahren ist der Tabakkonsum zwar zurückgegangen, aber nicht so dramatisch, dass es sich auf Big-T so sehr auswirkt. Im Gegenteil, die haben in der Zeit ihre Gewinne erhöht (der Zichtelpreis ist auch ohne Steuer gestiegen). Zigaretten und Tabak zum Rauchen wird noch sehr lange ihr Kerngeschäft bleiben. Mit ihren Kugelschreibern haben sie noch einen Fuß in der Tür, falls es mal eng wird, aber das kann noch dauern.
Sorry die Grippe (die normale^^) hat mich kurzfristig „ausgeschaltet“, so dass ich deine Antwort erst heute gelesen habe.
Ich habe tatsächlich nicht gemeint was ich selbst geschrieben habe, ich bin wirklich davon ausgegangen das niemand ernsthaft behauptet haben kann BT hat THR im Hinterkopf. Da scheine ich mich dann ja wohl geirrt zu haben. Ich behaupte mal ganz frech die haben nur Kohle im Kopf.
Genau deswegen werde ich die „Mitnahmementalität“ auch nicht bestreiten. Die haben in der Vergangenheit Steuererhöhungen immer dazu genutzt den einen oder anderen Cent für sich selbst aufzuschlagen. Ich befürchte allerdings das es bis zur Umsetzung der Steuerpläne bei Nik.-Liquids in der der Dampferbranche ähnlich laufen wird. Da werden einige Hersteller jetzt auch mal flugs den Preis für z. Bsp. Shots in Erwartung der einsetzenden Hamsterkäufe anziehen. Wenn Geld im Spiel ist agieren die meisten moralisch fragwürdig, vom großen Konzern über den Bundesfinanzminister bis hin zum kleinen Eck-Öffi…
Trotzdem befürchte ich das sich die Dampfer in einen Zwei-Fronten-Krieg verrennen, dem sie weder personell noch strategisch gewachsen sind, der ihnen also in der Folge unnötig Ressourcen entzieht. So lohnenswert oder sagen wir besser wünschenswert eine deutliche Abgrenzung des Dampfens vom Rauchen wäre, schon wegen der HR- Diskussion, so sinnlos ist sie betrachtet man die Situation realistisch. Das Kind liegt nicht nur im Brunnen, es ist seit Jahren ersoffen. (Was nicht zwingend die Schuld von BT ist, das haben die Dampfer selbst vergeigt.)